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  • P. Roth & G. Dazzi

Als die Schweizer italienische Fussballmeister wurden

Aktualisiert: 20. Nov 2018


In Genua ist man entweder oder. Hautfarbe, Herkunft, politische oder sexuelle Vorlieben sind zweitrangig, nicht jedoch ob man ein «Grifone» oder ein «Baciccia» ist.



Unione Calcio Sampdoria Genoa Cricket and Football Club

Entweder ist man für den CFC Genoa, dessen Logo ein goldener Greifvogel darstellt, oder für den anderen Stadtclub, die Unione Calcio Sampdoria, die den «Baciccia», einen Pfeife rauchenden Seemann, in ihrem Logo führt. Welcher fussballerischen Ausrichtung man angehört – ob dies mit der familiären oder gar genetischen Prägung zu tun hat, ob es soziale, wirtschaftliche oder politische Faktoren sind und welche Rolle die sportlichen Fähigkeiten dabei spielen – haben wir noch nicht herausgefunden. Wir haben jedoch bemerkt, dass sich eine anbahnende Freundschaft mit der Nennung des falschen Fussballvereins abrupt zerschlägt, oder dass man mit einem Schal in den falschen Klubfarben beim liebenswürdigen Gemüsehändler plötzlich nur noch Ware zweiter Wahl erhält. Als gute Schweizer versuchen wir natürlich neutral zu bleiben, was jedoch ebenfalls auf wenig Verständnis stösst, denn in dieser Frage ist man entweder oder. Wir haben uns deshalb entschieden, die typisch schweizerische Rolle des Beobachters einzunehmen und uns, ganz wissenschaftlich, mit der Geschichte der genuesischen Fussballclubs auseinanderzusetzen.

Genua ist die Wiege des italienischen Fussballs! 1893 gründete eine in Genua ansässige Gruppe Engländer den Genoa Cricket & Athletic Club. Obwohl anfangs nur waschechte Engländer in den Club aufgenommen wurden, gilt heute der Genoa als der älteste Fussballverein Italiens. Im Jahr 1898 fand die erste italienische Meisterschaft statt und der Club änderte seinen Namen in Genoa Cricket and Football Club. Genoa gewann 2:1 gegen (das savoyische!) Torino und wurde damit erster Landesmeister. In den ersten zehn Jahren gewann der Genoa CFC sechs Mal den Meistertitel und war somit der grosse Dominator im italienischen Fussball. Unsere neutrale und ausgewogene Berichterstattung fängt nun aber an zu bröckeln, einen kleinen Jauchzer können wir nicht unterdrücken. Die Mannschaft des Genoa bestand in seinen glorreichen Anfangsjahren aus: fünf Engländern, zwei Italienern und vier Schweizern: Edoardo und Enrico Pasteur, Henri Dapples und Étienne Deteindre.


Von links nach rechts, Spieler in Weiss: Ghigliotti, De Galleani, Spensley, Enrico Pasteur, Leaver, Edoardo Pasteur, Passadoro, Arkelss, Dapples, Deteindre und Agar, 1899

Die Schweizer waren auch in den folgenden Jahren ein fixer Bestandteil des Genoa Cricket and Football Club. 1902 spielten nebst den beiden Brüdern Pasteur und Henri Dapples auch Alfred Cartier, Karl Senft und Attilio Salvadè für den Genoa. Der Tessiner Salvadè war der Sohn des Schweizer Konsuls in Genua und Karl Senft fungierte später als Mannschaftstrainer. Edoardo Pasteur war zwischen 1904 und 1909 sogar Clubpräsident.


Von links: Enrico Pasteur, Alfred Cartier, Paolo Rossi, John Savage, James R. Spensley, Howard Passadoro, Karl Senft, Fausto A. Ghigliotti. Sitzend (von links): Joseph W. Agar, Henri A. Dapples, Edoardo Pasteur, Attilio Salvadè, 1902

In den folgenden Jahren spielten immer jeweils zwei bis vier Schweizer beim Genoa Cricket and Football Club. Nachdem es in den ersten Jahren insbesondere Westschweizer waren, kamen später auch die Deutschschweizer nach Genua um Fussball zu spielen: Friedrich Hurni, Konrad Herrmann, Eduard Bauer, Max Mayer, Karl Stöcker oder Daniel Hug. Hug war 1907 mit dem FC Basel Schweizer Meister geworden und zog ein Jahr später nach Genua, wo er seiner Grösse wegen nur «il lungo Dani» genannt wurde.


Um die Freundschaft mit Elisabetta Beeler – jetzige Präsidentin des Circolo Svizzero in Genua und eine «accanita tifosa» des Fussballclubs Sampdoria – nicht zu gefährden, wollen wir auch noch die Schweizer Beteiligung an diesem Club aufzeigen. Die Eltern von Elisabetta Beeler führten das renommierte Hotel Savoia in Nervi (Genua). Im Jahr 1962 verbrachten die Fussballspieler der Unione Calcio Sampdoria die Wochenenden im Savoia und die 6 jährige Elisabetta wurde zum Maskottchen der «Baciccia»! Unter dem Trainier Ernst Ocwirk begleitete sie die Mannschaft in der Fussballsaison 1962/63 zu den Spielen: von der Umziehkabine über den Einzug aufs Spielfeld bis auf die Tribüne, wo sie das Spiel auf der Bank der Auswechselspieler begeistert mitverfolgte.


Und heute? Sampdoria liegt in der Serie A drei Ränge vor Genoa.

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