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  • P. Roth & G. Dazzi

Wider das Lädelisterben

Aktualisiert: 20. Nov 2018

Nicht nur die Fahrstühle sind in Genua munzig klein (siehe vorheriger Blogbeitrag), sondern auch die Läden. Der Hausschlüssel wird in einem «Schlauchlokal», welches 90 cm breit und 5 Meter lang ist, angefertigt; in der rosticceria, die höchstens 12 m2 gross ist, gibt es neben einer Käse- und Wurstauswahl, die jene von Globus-Delicatessa bei weitem übertrifft, auch fixfertige Kichererbsensuppe, polpette, lasagne, caponata, ravioli ripieni…; in der drogheria, von zuunterst bis zuoberst pumpenvoll, gibt es sechs verschiedene Sorten von Linsen (rosse, gialle, nere etc.), mindestens 15 verschiedene Reissorten, farbige Bonbons, Olivenseifen, Tees, Putzmittel, Ostereier…


Man quetscht sich in diese Ladenlokale, muss Acht geben, dass man nichts vom Gestell reisst, den anderen Leuten nicht andauernd auf die Füsse tritt, muss vor lauter Staunen aufpassen, dass man seinen turno nicht verpasst. Mit: «bella, che posso darti?», wird man bereits nach dem zweiten Einkauf angesprochen. Das Aussuchen der reifsten Früchte und des knackigsten Gemüses überlässt man lieber dem Verkäufer:


Es ist zudem erstaunlich, wie spezialisiert die Läden sind. So findet man hier beispielsweise noch solche, die ausschliesslich Gegenstände aus Messing anbieten, sogenannte ottonami. In kleinen, unzähligen Schubladen lagern schön geordnet Nägel, Bolzen, Türklinken, Griffe etc. in allen erdenklichen Formen und Grössen. In der Corderia nazionale kann man zwischen tausenden von unterschiedlichen Schnüren, Fäden, Kordeln, Stricken, Strängen, Leinen, Seilen, Tauen, Reepen, dick, dünn, rot, gelb, grün… auswählen, alles am Laufmeter.

Sehr erfrischend ist in den Geschäftslokalen der Umgang mit alten architektonischen und künstlerischen Elementen. In der pescheria, schön drapiert um eine Säule aus dem 13. Jahrhundert, leuchten die roten Garnelen aus Portofino und glänzen die Goldbrassen. Im Warenhaus einer Billigkette überwacht der splitternackte Herkules, eine marmorne Skulptur aus dem 17. Jahrhundert, die Damen bei der Auswahl der Unterwäsche.


Die genovesi stehen aber nicht nur hinter den Theken, sie arbeiten auch an ihren Werkbänken mitten in der Stadt. Durch die Schaufenster schaut man der Hemdnäherin bei der Arbeit über die Schulter. Wenn es nach Holz duftet ist die Schreinerei nicht weit. Und es lohnt sich hier die abgelaufenen Lieblingsschuhe nochmals besohlen zu lassen.

Klein, hochspezialisiert und personalisiert – so ziemlich das Gegenteil was in der Schweiz üblich ist. So ziemlich das Gegenteil von dem was bei uns als effizient, ökonomisch sinnvoll, gewinnbringend gilt.

Aber in Genova leben die Leute davon. Dank diesen vielseitigen Aktivitäten in den kleinen Ladenlokalen und Werkstätten konnte das historische Zentrum zu einem grossen Teil seinen Charakter bewahren. Genova ist ein Ort geblieben, wo man arbeitet und wohnt, nicht nur konsumiert. Das unterscheidet diese Hafenstadt massgeblich von vielen touristischen Städte.


Unser Lieblingsladen? Den gibt es an jeder zweiten Ecke: la ferramenta!


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